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Nicht mehr und nicht weniger

Gedanken im Advent

Es ist Vorweihnachtszeit. In allen möglichen – nicht nur kirchlichen – Texten geht es jetzt mehr als sonst um wichtige Ziele - Rechte für die Unterdrückten oder Brot für die Hungrigen und um das große Wort „Frieden“. Viele werden denken: Was kann ich dazu schon beisteuern? Hilft der Satz: „Wenn wir Menschen einander zugetan sind… und alle geschwisterlich leben - dann ist Advent“? Sicher wünschen sich Viele, Türen weit aufzumachen und neue Wege zu gehen. Kann man vielleicht auch mit ganz kleinen bescheidenen Möglichkeiten etwas beitragen? Ich habe das versucht und möchte davon erzählen.

 

Als junger Deutscher kann man bekanntlich statt Wehrdienst auch „Zivildienst“ wählen und z.B. in Krankenhäusern, Jugendeinrichtungen oder in Altenheimen helfen. Das sind ganz sicher Möglichkeiten, um ein bisschen mehr menschliche Wärme in die Welt zu bringen. Ich selbst wollte nach dem Abitur kein Soldat werden, und ich wollte gern etwas tun, das über den „normalen“ Zivildienst hinausging. Diese Möglichkeit fand ich hier im Freiwilligen Friedensdienst der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

Ich wünschte mir, nach Frankreich zu gehen. Dieses Land hatte für mich schon seit Jahren eine besondere Bedeutung. Ich weiß, dass es in der Geschichte zwischen den beiden Nachbarländern Deutschland und Frankreich sehr oft Missverständnisse, Feindschaft und Kriege gegeben hat. Nach dem letzten großen Krieg haben Politiker eingesehen, dass es in ganz Europa kein Miteinander-Leben – keinen Frieden – geben kann, wenn die beiden großen Nationen in der Mitte des Kontinents, Deutschland und Frankreich, nicht zusammenhalten. Freundschaft zu schließen kann man aber nicht der Politik überlassen: Es ist wichtig, dass sich Menschen kennen lernen. Ich habe schon als Schüler mehrfach meine Ferien gemeinsam mit französischen Jugendgruppen verbracht und war deshalb besonders froh, als meine Bewerbung für einen Dienst in Frankreich Erfolg hatte.

Ich wurde von der Evangelischen Kirche nach Montpellier geschickt. Im September 2005 reiste ich gemeinsam mit Alex, einem weiteren FFDler, in diese schöne und lebendige Stadt am Mittelmeer. Wir wurden in der „Eglise Réformée de Montpellier“, der evangelischen Gemeinde vor Ort, eingesetzt.

Wir wurden sehr herzlich aufgenommen. Es war das erste Mal, dass deutsche Freiwillige dort einen Dienst ableisteten. In Frankreich kennt man so etwas wie Zivildienst gar nicht, und alle freuten sich darüber, uns da zu haben. Man gab uns die Möglichkeit, selbst ein bisschen auszusuchen, was wir in dem vor uns liegenden Jahr machen wollten und zu schauen, wo wir gerne helfen würden.

 

  

Protestantische Wurzeln

  

Die Protestanten sind im traditionell katholischen Land Frankreich eine absolute Minderheit – das ist ganz anders als hier in Deutschland. Nicht einmal 2% der Landesbevölkerung sind protestantisch. Sie sind geprägt durch Jahrhunderte lange Unterdrückung, Vertreibung, Hinrichtung. In Montpellier befanden wir uns in einer Region, in der die Reformation viele Wurzeln hat und in der man auch viele Widerstandsstätten findet. Dort lebten früher sehr viele Protestanten - die so genannten Hugenotten - und auch heute leben dort, verglichen mit dem Rest Frankreichs, überdurchschnittlich viele Nachfahren der Hugenotten. Aus ihrer schwierigen und allzu oft blutigen Geschichte der Verfolgung im Kampf um religiöse Freiheit beziehen sie heute noch einen wichtigen Teil ihres Selbstverständnisses.

 

So haben wir viele Dinge über die Schwesterkirche mit ihrer Geschichte erfahren können. Im Gegenzug konnten wir von unserem Zuhause berichten und wie evangelisches Leben hier aussieht. Einerseits war ich überrascht, wie ähnlich Gemeindearbeit, Gottesdienste und Strukturen (und sogar die  Probleme) dem sind, was ich aus Köln kenne. Andererseits ließ sich an vielen Stellen bemerken, dass die spezielle Vergangenheit der Hugenotten noch heute nachwirkt.
Ganz auffällig wird das durch Gedenktafeln an die für ihren Glauben hingerichteten Vorfahren, die in den Kirchen hängen. Bei genauerem Hinsehen merkt man es auch im Liedgut. Übrigens haben sie dort viele Melodien, die hier auch gesungen werden.
Die Erinnerung daran, dass vor Jahrhunderten das Lesen der Bibel – damals war sie ja noch ‘frisch übersetzt’ – zentraler Drehpunkt protestantischen Lebens war, und dass dabei entdeckt zu werden einem Todesurteil gleichkam, führt dazu, dass auch heute der Bibel eine größere Rolle zukommt als bei uns.

Von klein auf erfahren die Kinder in der „Bibelschule“ (einer Art „Kinderkirche“), aus welchem Erbe die Glaubensgemeinschaft schöpft. Dazu gehören Geschichten über Menschen, die sich in ihrem Glauben nicht beugen lassen wollten und dafür den Rest ihres Lebens auf Galeeren des Königs verbrachten genauso wie über bittere Schlachten zwischen Königstruppen und protestantischen Widerstandskämpfern.
 

Kein brennender Dornbusch, aber eine Palme

Als Betreuer haben wir die Leitung von Kinder- und Jugendgruppen unterstützt und selbst welche geleitet. Für alle Altersstufen inklusive der Studenten (insbesondere natürlich auch die Jugendlichen, die zur Konfirmation gehen möchten) gibt es jeweils Gruppen, in denen eine Mischung aus Religionsunterricht, Spielen, Singen, Beten und so weiter angeboten wird.
Natürlich waren wir auch bei Ausflügen der Bibelschule oder im Katechismus mit dabei. Dort waren wir gern gesehene Verbindung zwischen den etwas älteren Leitern der Gruppen, den Pfarrern und den Kindern und Jugendlichen.
Beispielsweise haben wir eine Kirchenfreizeit, an der rund 65 Kinder und Jugendliche teilnahmen, begleitet. Solche Tage und Nächte sind zwar anstrengend, entlohnen aber mit einer Menge an Erfahrung und Spaß.
Ein neuartiges Gefühl war für mich die Verantwortung, die man als „Animateur“ (so heißen auf Französisch die Betreuer) trägt. Bis damals war ich immer nur Teilnehmer bei solchen Fahrten gewesen. Neuerdings musste ich selbst aufpassen…
Besonders einmal, als irgendein kleiner Junge eine haushohe Palme angezündet hatte (!) und inmitten des Tumultes dafür gesorgt werden musste, dass nicht alle verrückt spielten und nicht gleich der ganze Wald in Flammen aufging.

 
Moderatoren und andere Menschen

Ein großer Teil meiner Arbeit bestand ansonsten in der technischen Unterstützung des protestantischen Vereinsradio „FM PLUS“: Fünf bis sechs Tage die Woche dirigierte ich dort an Mischpulten und Mikrofonen, Computern und CD-Spielern die Aufnahmen und bereitete Sendungen vor oder nach. FM PLUS ist ein nichtkommerzieller und werbefreier „Bürgerfunk“, der als pluralistisch-offener Verein den verschiedensten Menschen, Gruppen und Initiativen die Möglichkeit gibt, ihr eigenes Programm zu gestalten. Dort kommen Menschen zu Wort, die sonst kein Sprachrohr haben. Es gibt einen bunten Mix aus Musikstilen und Themen, der wohl trotz gelegentlicher technischer Mängel und Ausfällen beim Publikum ganz gut abschneidet.

Ich traf bei der Betreuung der Sendungen mit Moderatoren und Menschen jeden Typs zusammen. Eine kleine Auswahl: Ben und Dimitri, die jungen Männer, die die stadtbeste Blues-Sendung machten. Oder Stany, der Reggae bevorzugt. Oder Arbeitsgruppen von Amnesty International und Greenpeace. Sowie einige RentnerInnen, die sich  wahlweise für die Dritte Welt einsetzen, Gedichte und Kinofilme besprechen oder Büchervorstellungen zum Besten geben. Natürlich kam auch der protestantische Charakter des Radios nicht zu kurz, weshalb wir auch Gottesdienstmitschnitte, aktuelle kirchenpolitische Debatten, die Interpretation der „Bibelstelle des Tages“ und ähnliche Sendungen mit religiös-philosophischem Hintergrund ausstrahlten. Ohne meine technische Unterstützung hätten viele dieser Menschen ihre Anliegen nicht bekannt machen können, und darauf war ich ein bisschen stolz.

Überall habe ich nette Menschen kennen gelernt und Gespräche geführt, nicht nur bei den Protestanten. Von der Frisöse bis zum Juwelier, Gemüsehändler, Straßenbahnpenner und Professor – jede Woche wollte jemand wissen, was ich denn in Südfrankreich triebe. Fast immer stieß ich auf begeisterte Zustimmung verbunden mit dem Bedauern, dass es Zivil- und Friedensdienste in vergleichbarer Form in Frankreich nicht gibt. Grundsätzlich war ich als Deutscher im weltoffenen Montpellier vielleicht nicht gerade exotisch, aber interessant. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Erklärung, mein Friedensdienst ersetze die deutsche Wehrpflicht, besonders gut ankam. Wohlgemerkt nicht, weil man den Deutschen und ihrer Armee misstraut, sondern unser völkerverständigendes Engagement einfach begrüßte. Vielen erwachsenen Gesprächspartnern war auch die deutsch-französische Freundschaft noch ein Begriff. Manchmal hieß es: „Schade, dass immer weniger französische Schüler Deutsch lernen wollen. Das war vor einiger Zeit noch ganz anders. Umso besser, dass ihr da seid!“

 


Jenseits von Frankreich

Mein Dienst führte mich sogar noch über Frankreichs Grenzen hinaus, überschritt gar den Kontinent. Im Juli 2006 begleitete ich eine Gruppe Jugendlicher der reformierten Gemeinden Lyon, Montpellier und Lunel nach Marokko. Dort haben wir knapp drei Wochen verbracht und im Rahmen diverser kreativer Projekte auch den Kontakt mit Einheimischen gesucht und gefunden.

 

Zum einen haben wir mit jungen Christen, die aus dem Kongo nach Marokko geflüchtet waren, Lieder aufgenommen. Sie fanden es sehr schön, dass wir auf sie zu gekommen sind und uns auf den Weg gemacht haben, Europa zu verlassen, um miteinander ein paar Momente zu verleben. Vor allem, weil es in Marokko fast überhaupt keine Christen gibt und die wenigen froh sind, in Ruhe und ohne Angst ihre Religion ausüben zu können.

 

Aber noch intensiver waren unsere Begegnungen mit den Marokkanern. Wir waren bewusst als Gruppe gekommen, die mehr als nur Touristen sein wollte. Unser Projektname „Music for peace“ machte das schon deutlich. Das fanden viele Einheimische gut. Zwischen den jungen Marokkanern, die wir in Casablanca kennen lernten und uns entstanden Freundschaften. Gemeinsam spielten wir Fußball in den Straßen und diskutierten bis in die Nacht hinein. Ein Höhepunkt war dann zum Abschied, dass wir sie als Muslime in unsere christliche Gastkirche einladen konnten und wir ein gemeinsames Essen veranstaltet haben. Das ist nicht selbstverständlich, denn unser Leben und unsere Zukunftsaussichten sind sehr unterschiedlich.
 
Und gerade die Tatsache, dass sie Muslime und wir Christen sind, eine Beziehung, die seit Jahrhunderten und besonders aktuell immer wieder sehr problematisch ist, hat uns nicht gestört. Im Gegenteil, ich habe auch mit einem jungen Gewürzhändler über den Irakkrieg und Terrorismus sprechen können. In allen Reiseführern kann man lesen, dass man solche Themen auf gar keinen Fall ansprechen solle. Leicht könne man so Araber wütend machen, wenn man sich falsch ausdrücke und sich als Tourist anmaße, überall seine Meinung abzugeben. Zugegebenermaßen ein sehr schwieriges Thema, aber die Art unserer Reise (wir sind eben nicht nur gekommen, um von dem schönen Land Fotos zu machen) sowie meine Erklärung, einen Friedensdienst zu leisten, hat so etwas möglich gemacht.

Mit dem jungen Marokkaner habe ich mich bestens verstanden. Und als wir gemeinsam Tee tranken, konnten wir nur feststellen: Wenn mehr Menschen auf dieser Welt versuchen, miteinander statt gegeneinander zu leben, dann haben Frieden und Freundschaft eine Chance.

 

 

Ein bisschen Frieden

Zurück in Frankreich, gegen Ende meines Jahres, wurde es Zeit, eine Bilanz zu ziehen. Mir ist dabei klar geworden, dass ich durchaus davon ausgegangen war, dass dieses Jahr für mein Leben eine Bereicherung darstellen würde. Nicht geahnt hatte ich, dass ich so oft zu hören bekäme, wir wären wiederum eine echte Bereicherung für die Gemeinde gewesen. Wunderbar zu wissen, dass wir sympathische Nachfolger haben, denn die Evangelische Kirche im Rheinland hat im letzten und auch in diesem Jahr jeweils wieder zwei Friedensdienstleistende nach Montpellier geschickt.

Wenn ich zurückschaue, kann ich sagen: Ich habe als Friedensdienstleistender einen kleinen, aber vielleicht doch nicht ganz unbedeutenden Beitrag zu Frieden und Völkerverständigung geleistet. Durch meine Begegnungen mit Menschen anderer Herkunft, anderer Nation und anderer Sprache haben sich vielleicht das Bewusstsein und die Einstellungen aller Beteiligten ein wenig zu dem hin gewandelt, was wir uns zum Advent wünschen: Wir haben das eine oder andere Vorurteil abgebaut, haben Toleranz geübt, haben gelernt, miteinander auszukommen und uns manchmal richtig gern zu haben. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und freue mich, wenn ich dazu beigetragen habe, dass Friede in Europa Wirklichkeit ist.

 

 

von Arne Wessel, FFD Montpellier 2005/2006

Aktualisierung: 03.12.2007 / Redakteur: Arne Wessel
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